Nürtingen und Ich

Nürtingen ist für mich untrennbar mit meiner Oma verbunden. Diese ist zwar noch keine 100

Jahre alt wie meine Heimatstadt am Neckarufer, dennoch hat sie mit ihren 92 Lebensjahren

einiges erlebt.

Oma hat mich von Kindesbeinen an begleitet: auf der Garageneinfahrt vor ihrem Haus in der

Braike habe ich das Fahrradfahren gelernt, auf dem Ersberg im stürmischen Herbst die

Drachen steigen lassen und viele Sommer im Fela-Freizeitcamp rund um die

Versöhnungskirche verbracht. In ihrem geliebten Garten hinter dem Haus ernte ich bis heute

jedes Jahr zahlreiche Zucchini, die sie in Scheiben in der Pfanne paniert und zusammen mit

selbstgeschabten Spätzle vom Brett zu einer schmackhaften Mahlzeit für mich zubereitet.

Viele Nächte verbrachte ich während meiner Jugend in ihrem Haus, fühlte mich sicher

aufgehoben und wohlig-warm mit ihren selbstgestrickten Socken im Bett. Bis heute ist sie

des Strickens für ihre acht Enkel*innen und inzwischen sechs Urenkel-Kindern nicht müde

geworden. Für ihre unerschütterliche Kraft und ihren unbändigen Lebenswillen bewundere

ich sie bis weit über ihren Tod hinaus.

Oma war von Anfang meines Lebens dabei und immer da, wenn ich ihre Hilfe gebraucht

habe. Mit ihren 92 Jahren nun sie wiederum auf Unterstützung im Alltag angewiesen.

Dass ich für sie Lebensmittel einkaufe, Besorgungen in der Stadt erledige und ihr in

einsamen Momenten Gesellschaft leiste, versteht sich für mich von selbst. Durch meinen

emotionalen Beistand gebe ich ihr einen Teil von dem zurück, was sie zu meiner

Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig beigetragen hat.

Wenn ich auf die 37 Jahre meines noch jungen Lebens zurückblicke, dann sehe ich in

Nürtingen nicht nur das Aufwachsen im Stadtteil Oberensingen und meine Schulzeit am

Hölderlin-Gymnasium, sondern habe ein Gefühl von Heimat – meiner Oma sei Dank.

Nora Reim